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  Bilder, die uns befragen

"Bildbefragung" hieß die Serie des Hamburger Ehepaars Rainer und Rosemarie Hagen in der Zeitschrift "Art", die im November 2009 nach dreißig Jahren mit Grünewalds Isenheimer Altar zu Ende ging. Bilder mussten Rede und Antwort stehen, wenn sie nach Maltechniken, Komposition, nach offensichtlichen oder verborgenen kunstgeschichtlichen Vorbildern, nach Auftragsverhältnissen, heimlichen Porträts, vertrackten Symbolen, nach Stilentwicklungen, Sozial- und Kulturgeschichte oder nach Hinweisen auf die Künstlerbiographie befragt wurden. Manche Werke verkünden ihre Botschaften fast ungefragt, anderen muss man ihre Geheimnisse wie beim Tatortverhör mühsam entlocken. Doch es gibt auch Bilder, die nicht nur verschwiegen sind, sondern den Spieß geradezu umkehren. Zu ihnen gehören die Arbeiten von Barbara Böttcher, vor denen sich die unlösbare Frage: "Was hat sich die Künstlerin wohl dabei gedacht?", gegen uns richtet. Die Bilder befragen uns nach unseren Gedanken, Erinnerungen und Befindlichkeiten.

"Wo bist du?", lesen wir unter einer der fast dreihundert kleinformatigen Federzeichnungen, die wie ein Mauerwerk die Wände des Ausstellungsraumes C15 überziehen. Barbara Böttcher hat sie aus ihrem gewaltigen Konvolut von Skizzenbüchern (täglich entstehen mehrere Blätter – ein Skizzenbuch reicht für vielleicht zwei Monate) herausgetrennt, "geplündert", wie die Künstlerin sagt. Es ist wie mit den täglichen Etüden des Musikers, damit die Hände nicht aus der Übung kommen. Allerdings geht es bei den Zeichnungen mit dem Artpen (ein unbestechliches Präzisions-Schreibgerät) nicht nur darum, dass die Finger zugleich kraftvoll und locker bleiben, sondern vor allem auch um das, was im Kopf der Zeichnerin geschieht, damit die Metallfeder wie von selbst ihren Weg auf dem Blatt findet, von der wunderschönen Linie, über geschlossene Formen, bis hin zu figürlichen Vorstellungen. Auf dem Blatt "Wo bist Du?", dominiert die rotierende Bewegung, gleichförmig, trotz einiger Abweichungen, wie die Spur eines schwungvollen Kreisels, mit einer klaren, speerförmigen Gegenbewegung von links nach rechts. Und was ist das in der Mitte, was sich durch die Überschneidungen der Linien oben und unten zu festen Formen verdichtet? Der rasante Zeichenprozess wurde abgebrochen, bevor sich die Frage beantworten lässt. So spielt die Zeichnerin mit uns verstecken, trotz der Unfertigkeit nicht mehr in Frage. Aber die Unvollkommenheit eines jeden Bildes liefert die Energie für das nächste Werk.

Aus dieser Sicht ist für die Malerin der Torso das ideale Thema: Eine Form, bei der sich der Schöpfer zunächst darauf konzentriert, aus dem Lehmkloß einen Rumpf zu formen, ohne sich von Extremitäten wie Armen und Beinen ablenken zu lassen. In diesem Zustand lässt sich die Form noch immer weiter mit schwarzen und manchmal auch rötlichen Kreiden oder mit lasierenden Übermalungen durch Eitempera und in Acryl aufgelöste Farbpigmente korrigieren. Der Torso ist aber auch das, was von einer Skulptur am längsten überlebt, was die Künstler und Archäologen seit der Renaissance von den griechischen Meistern am zuverlässigsten vorfanden, Brust und Bauch der Venus von Milo oder den kraftstrotzenden Rücken des Herkules.

Das Fragment liefert uns viele Möglichkeiten der Irrungen und Wirrungen auf der Suche nach der wahren Form. Michelangelos falsche Ergänzungen der Laokoon-Gruppe im Vatikan sind ein wunderbares Beispiel. Und so wie Michelangelo für den hellenistischen Schlangenkampf, vermutlich mit großem Vergnügen, ganz eigene Arme erfand, dürfen auch wir uns über die Torsi von Barbara Böttcher hermachen. Wir können sie zum Leben erwecken und in Bewegung versetzen und dabei ihre Gesichter durch unsere inneren Bilder für einen Moment aus der Anonymität hervortreten lassen, um schon im nächsten Augenblick zu erleben, wie sich die Erscheinung in Linien und matten, erdhaften Farbtönen verflüchtigt. Denn aus Erde ist der Mensch geschaffen. Doch halt! Auf zwei Maltüchern leuchtet im Dickicht der schwarzen, stakkato-artigen Linien ein grelles Rot. "Aufbruch" lautet der eine Titel und der andere "In der Hölle ist der Teufel los". Dies könnte eine neue Richtung auf dem so stringenten und gradlinigen Weg der Künstlerin sein, auf den Spuren von Hieronimus Bosch und Grünewalds "Versuchung des Antonius" und vielen anderen, die lustvoll das Chaos zum Thema machten.

Thomas Sello, Hamburger Kunsthalle, Januar 2010

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